Dun & Bradstreet

Transparenz in mehrstufigen Lieferketten: Risiken in tiefen Lieferstufen managen

Resilienz stärken durch mehrstufige Lieferketten-Transparenz

Das volatile globale Umfeld von heute hat das Konzept der Lieferkette grundlegend verändert. Statt einfacher, linearer Prozesse haben sich Lieferketten zu komplexen, mehrstufigen Ökosystemen entwickelt, die sich über verschiedene Regionen und Lieferantenebenen erstrecken.

Die Fähigkeit, plötzlichen Schocks standzuhalten – von geopolitischen Konflikten und Handelszöllen bis hin zu Naturkatastrophen – hängt vollständig vom Verständnis eines Herstellers für dieses mehrstufige Netzwerk ab.

Resilienz ist nicht länger ein Ziel, sondern eine überlebenswichtige Notwendigkeit. Doch der Dun & Bradstreet Risiko- und Resilienzbericht für die Fertigungsindustrie 2025 offenbart eine erhebliche Schwachstelle: Zwischen der wachsenden Komplexität der Lieferketten und der tatsächlichen Transparenz, die Hersteller besitzen, hat sich eine gefährliche Lücke gebildet.


Die Transparenzlücke in mehrstufigen Lieferketten

Unser Bericht zeigt, dass Lieferketten zunehmend komplexer werden: 65 % der Hersteller geben an, dass ihre durchschnittliche Lieferkette aus drei oder mehr Ebenen besteht. Doch die Überwachung von Compliance und Risiken nimmt jenseits der ersten Ebene drastisch ab. Während Tier 1 Lieferanten (direkte Partner) in der Regel gut gemanagt sind, liegen die eigentlichen Risiken tiefer – in Tier 2, Tier 3 und darüber hinaus. Die größte Diskrepanz zeigt sich im Deep-Tier-Monitoring: Nur 18 % der Hersteller überwachen aktiv die Einhaltung von Regeln und Vorschriften bis hin zu vier oder mehr Ebenen.

Diese begrenzte Aufsicht setzt die Branche versteckten Schwachstellen aus. Qualitätsprobleme, ethische Risiken und betriebliche Störungen können leicht in tieferen Ebenen entstehen und sich nach oben ausbreiten – mit Auswirkungen auf Markenreputation, Kosten und Geschäftskontinuität. Dieser Mangel an Transparenz gilt inzwischen als ein wesentliches Hindernis für den Aufbau widerstandsfähiger und wirklich transparenter Lieferketten.

Das ethische Gebot

Die eingeschränkte Transparenz unterhalb der Tier 1-Ebene schafft einen gefährlichen blinden Fleck – insbesondere im Hinblick auf Menschenrechte und verantwortungsvolle Beschaffung. Während Hersteller häufig finanziell getriebene Compliance Anforderungen (wie Zölle oder Sanktionen) priorisieren, bleibt die ethische Kontrolle deutlich unterentwickelt.

  • Die Branche leidet unter einem gefährlichen „Ethical Data Deficit“: Nur 24 % der Befragten verfügen über Daten zu moderner Sklaverei oder Menschenhandel in ihren Lieferketten.
  • Trotz steigender rechtlicher und reputationsbezogener Risiken glauben nur 14 % der Hersteller, dass moderne Sklaverei 2026 ihr größtes Risiko darstellen wird – der niedrigste Wert aller Risikooptionen der Umfrage.
  • Der Bericht betont, dass Hersteller Risiken in allen ESG-Bereichen (Environmental, Social, Governance) proaktiv adressieren müssen. Dennoch planen über die Hälfte der Unternehmen, Investitionen eher in Lieferantenperformance und Compliance Daten zu stecken als in ESG und Nachhaltigkeitsdaten.

Dieses Ungleichgewicht zeigt, dass sich die Aufmerksamkeit häufig auf das Messbare und Unmittelbare konzentriert – während tiefere, schwerer zu erfassende Risiken übersehen werden. Um eine verantwortungsvolle Lieferkette aufzubauen, müssen Unternehmen ihre Risikoperspektive erweitern und Menschenrechte sowie Nachhaltigkeit stärker einbeziehen – gestützt durch robuste Daten und Transparenz über alle Lieferantenschichten hinweg.
 

Fehlende Daten und digitale Tools

Der am häufigsten genannte Grund dafür, warum Hersteller nicht tiefer in ihre Lieferketten vordringen, ist der schiere Mangel an Daten und Informationen. Insgesamt geben 39 % der Hersteller an, dass fehlende Daten das Hauptproblem darstellen – ein besonders stark ausgeprägtes Hindernis in wichtigen Märkten: 41 % der Unternehmen im Vereinigten Königreich und 47 % in den USA berichten von diesem Engpass.

Dieses Datendefizit verdeutlicht, dass sich Deep-Tier-Transparenz nicht mit manuellen Prozessen oder veralteten Systemen lösen lässt.

Hersteller müssen in digitale Rückverfolgbarkeitstools investieren, Lieferantentransparenz fördern und Resilienz durch Multi-Tier-Risikomanagement aufbauen.

Die direkten Kosten der Komplexität

Die Folgen komplexer und intransparenter Lieferketten sind nicht theoretisch – sie sind real, kostspielig und beeinträchtigen die Geschäftskontinuität. Insgesamt berichten 97 % der Unternehmen, dass Lieferkettenkomplexität ihre Resilienz beeinträchtigt.

Zu den wichtigsten operativen Problemen, die Hersteller infolge komplexer Lieferketten erleben, gehören:

  • Qualitätskontrollprobleme (31,0 %) – das am häufigsten gemeldete Thema und ein Hinweis darauf, dass Qualitätsstandards über das erweiterte Lieferantennetz hinweg nicht eingehalten werden.
  • Steigende Betriebskosten (29,1 %).
  • Lieferverzögerungen (28,9 %).
  • Herausforderungen im Bestandsmanagement (26,3 %).
  • Abhängigkeit von einzelnen oder wenigen Lieferanten (25,1 %) – eine wiederkehrende Schwachstelle.
  • Geringere Lieferkettentransparenz (25,0 %) und Probleme bei der Datenintegration (24,6 %).


Der Bosch Ansatz

Führende Hersteller behandeln das Thema Resilienz inzwischen als grundlegende geschäftliche Transformation. Bosch, ein globaler Anbieter von Technologien und Dienstleistungen, konzentriert sich darauf, seine Lieferkette kontinuierlich zu optimieren und widerstandsfähiger zu machen – etwa im Hinblick auf geopolitische Konflikte oder Komponentenengpässe.

Dr. Thomas Schulte von Bosch betont, dass die Vermeidung von Kundenbeeinträchtigungen bedeutet, sich auf ein „Winter Szenario“ vorzubereiten – was erhebliche Ressourcen, Training und Flexibilität erfordert.

Die praktische Strategie von Bosch zur Stärkung der Lieferkettenresilienz umfasst:

  • Lieferantenportfoliomanagement: Reduzierung der Lieferantenzahl und Konsolidierung von Partnerschaften.
  • Data-First Mandat: Von Lieferanten abwenden, die nicht bereit sind, notwendige Daten bereitzustellen.
  • Fokus auf Deep-Tier-Transparenz: Aktives Verständnis der tieferen Lieferantenschichten („TierN Transparency“).
  • Einsatz von KI: Nutzung von Daten und künstlicher Intelligenz zur Kosteneinsparung, Verbesserung der Transparenz und Steigerung der operativen Effizienz.


Resilienz wird zum strategischen Imperativ

Für alle Hersteller erfordert der Aufbau von Resilienz einen grundlegenden Wandel in Denkweise und Investitionen. Der Fokus muss sich hin zu einem risikobasierten Ansatz verschieben, der durch Technologie und umfassende Daten unterstützt wird:

  • Risikobasierter Ansatz: Klassifizieren Sie das Lieferantenportfolio (z. B. mithilfe eines Ampelsystems), um klare Richtlinien für den Umgang mit Hoch-Risiko und Niedrig-Risiko-Lieferanten zu schaffen. Dadurch wird ein effizientes Onboarding von Niedrig-Risiko-Partnern möglich, während für kritische Beziehungen eine verstärkte Due Diligence angewendet wird.
  • In Transparenz und Monitoring investieren: Schaffen Sie Transparenz durch finanzielle, Compliance und ESG-Prüfungen sowie kontinuierliches Monitoring. Ziel ist es, Lieferanten hinsichtlich Risikoveränderungen zu überwachen und Warnmeldungen zu erhalten, sobald potenzielle Risiken auftreten.
  • Alternative Lieferanten identifizieren: Sorgen Sie dafür, dass immer ein „Plan B“ vorhanden ist, indem alternative Lieferanten identifiziert werden, die im Krisenfall einspringen können.
  • ESG verankern: Fördern Sie mehr Nachhaltigkeit in der Lieferkette, indem Sie umfassende ESG-Daten nutzen, um Lieferanten zu bewerten und zu erkennen, welche Partner zusätzliche Unterstützung oder Schulungen benötigen.

Letztlich erfordert Transparenz in Tier-N einen risikobasierten Ansatz, um die relevantesten Waren oder Subsektoren zu identifizieren, die weiter untersucht werden sollten. Durch Investitionen in die richtigen digitalen Tools, den Ausbau der Zusammenarbeit mit Lieferanten und das Einfordern von Transparenz können Hersteller Unsicherheit durch Weitsicht ersetzen – und eine Schwachstelle in einen Wettbewerbsvorteil verwandeln.

Laden Sie unseren Best‑Practice‑Leitfaden herunter und erfahren Sie, wie Sie Ihr Lieferantenrisikoprogramm transformieren und langfristige Resilienz aufbauen.

Häufig gestellte Fragen

Lieferketten Transparenz bezeichnet die Fähigkeit, Materialien, Produkte und Informationen entlang der gesamten Lieferkette zu verfolgen und zu verstehen – von den Rohstofflieferanten bis zu den Endkunden.

Echte Transparenz geht über direkte Lieferanten hinaus und umfasst Tier 2, Tier 3 und tiefere Ebenen. Sie liefert Einblicke in Lagerbestände, Lieferzeiten, Qualitätsleistung, Lieferantenzuverlässigkeit und aufkommende Risiken.